Pause bis zum Frühling
Ja, für diesmal ist das Ziel erreicht. Ich fahre heute mit den Wächters in den Norden und verbringe die Zeit bis Samstag früh noch mit ihnen in einer Therme – wahrscheinlich Abbano.
Warum ich mich dazu entschlossen habe?
Nun, sicher nicht, weil ich nach über vier Wochen des Wanderns überdrüssig geworden bin – ganz im Gegenteil.
Aber ich muss aus bestimmten Gründen am Samstag noch vor 13:00h in unserer Wohnung in Venedig sein. Das kann ich aber nur, wenn ich am Samstag sehr früh in einem passenden Zug sitze. Dort, wohin mich in den kommenden zwei Tagen mein Pilgerweg aber hinführen würde, gibt es keinen Bahnhof in erreichbarer Nähe. Ich muss aber bis Samstag irgendwo unterwegs sein, weil ich auch vorher nicht in die Wohnung hinein kann.
Was liegt da näher, als mit den lieben Menschen, die mich in den letzten Tagen begleitet haben, noch zwei Relaxtage in einer Therme zu verbringen, was Wächters ohnehin und unabhängig von mir vor hatten.
Außerdem sind wir dann per Auto gemeinsam und bequem schon sehr nah an Venedig, was für mich sehr vorteilhaft ist.
Ich freue mich schon riesig auf meinen Martin, die Freunde und die gemeinsame Woche in bella Venezia.
Es war mir aber gestern recht seltsam und wehmütig bei dem Gedanken, dass ich auf längere Zeit zum letzten Mal mein Ränzlein geschnürt habe, um meinen täglichen Weg zu gehen.
Das wird mir sicher noch eine Weile fehlen und ich hoffe, dass ich die kommenden Tage nicht zu sehr an den vergangenen, für mich so dichten, inhaltsreichen, abenteuerlichen, einsamen, anstrengenden und doch so wunderbaren Wanderwochen hänge, sondern eine gute Mischung finde aus sehnsüchtiger Erinnerung und froher Ankunft in der Gegenwart mit Martin und den Freunden.
Ja, ich werde selbstverständlich weiter wandern. Das hat ja schon fast Suchtcharakter angenommen. Mein nächstes Ziel ist Rom, das von Lucca in gut drei Wochen zu erreichen ist.
Diese drei Wochen möchte ich im März 2012 marschieren, wenn es noch nicht so warm ist.

Ich danke euch allen fürs Mitlesen und Mitfühlen, ganz besonders aber allen, die hier auch geschrieben haben. Jedes Wort hat mich gefreut, jeder Zuspruch mir geholfen, jede spaßige Zeile mich aufgebaut.
Ich hab mich dadurch jede Stunde freundschaftlich eingebunden und geborgen gefühlt.
Das Schreiben war meine tägliche Freude und mir ganz wichtig.
Der blog bleibt dank Ekke erhalten und offen. Es werden noch zahlreiche Fotos dazukommen, wenn ich meine und Joachims zu Hause bearbeiten kann. Es lohnt sich also, hin und wieder noch mal reinzuschauen.
Ich freu mich auf ein Wiederwandern und Wiederlesen im Frühling 2012.
52. Etappe
Valpromaro – Poazzano – Fornaci – Ponte San Pietro – Lucca (Albergo Diana)
08:00 – 13:00h, 17km
Jetzt bin ich tatsächlich schon in Lucca, der Puccini – Stadt. Werde mir heute noch die mitgebrachte “Missa dei Gloria” anhören, ein Jugendwerk des Meisters, das ich besonders liebe.
Diese eher kurze Etappe war so ganz nach unserem Geschmack: viele Wald-, Ufer- und Wiesenwege, kleine Nebenstraßen und erst gegen Ende Straßenränder mit viel Verkehr.
Wir haben uns in unserer so trauten Herberge in Valpromaro selber Frühstück gemacht – war ja alles da. Endlich wieder guter, starker Schwarztee mit einem Schlückchen Milch. Sogar Capuccino mit Milchschaum konnten wir bereiten.

Frohgemut sind wir dann in den kühlen, herbstlichen Morgennebel aufgebrochen.
Es blieb auch erstmals die ganze Wanderzeit trüb und bewölkt. Erst in Lucca klarte es auf und die gewohnte Sonne schien vom Himmel.
Um wieviel genussreicher doch die steinigen und teils steilen Auf- und Abstiege durch die herbstlichen Wälder sind, als die geraden, asphaltierten und verkehrsreichen Straßen.
Piazzano war einmal mehr so ein typisches, toscanisches Bergdorf, das von nah und auch fern so malerisch wirkt. Leider fehlt in den meisten dieser Dörfer bereits viel an Infrastruktur und sie wirken doch teilweise sehr einsam.
Radau machen immer wieder die allgegenwärtigen Hunde.
Lucca erreichten wir auf einem wunderschönen Uferweg mit Auwald entlang des Serchio.

Die Stadt pulsiert und ist gestopft voller Touristen. Herbsturlaub in der Toscana ist ja sehr beliebt.
Für uns ist es immer wieder befremdlich, nach den langen und oft einsamen Stunden des Wanderns durch die Landschaft, in so belebte Touristenhochburgen zu kommen und wir fühlen uns in dem Gewusel dann eher beklommen und als Fremdkörper.

Die Herbergssuche ging relativ flott. Ostello peilten wir diesmal nicht an. Hemma und ich fanden bald das kleine Hotel, das noch was frei hatte und uns zu moderaten Preisen (55,-) aufnahm.
Duschen, Wäsche waschen, relaxen, schreiben….. all diese vertrauten, täglichen Verrichtungen werden mir bald fehlen.
Aber dann nahmen wir denn die Stadt selber in Angriff.
Die intakte Stadtmauer umrundeten wir zur Hälfte – die andere Hälfte ist morgen früh noch dran, bevor der Zug uns nach Massa bringt, wo Wächters Auto auf uns wartet – und dann bewunderten wir alle Gebäude und Winkel der alten Innenstadt. Sogar die Steineichen haben wir (Mollys Hilfe sei Dank) gefunden und auftragsgemäß grüßen lassen.
Es liegt viel Puccini in der Luft und überall strotzt es vor Souveniers, aber der kaufrausch will sich nach so langer Wanderei einfach nicht einstellen und das ist fein.
In einer osteria haben wir prima gegessen und uns über den Tag und das Zusammensein gefreut.
Ein spätabendlicher Drink in einer Bar direkt vor dem Dom beendete diesen schönen Tag und damit auch meine herbstliche Tour.
51. Etappe
Pietrasanta – Monteggiori – Camaiore – Montemagno – Valpromaro (Parrocchia di San Martino)
08:00 – 14:00h, 19km
Nein, die Toscana ist nicht flach, da gibt es ganz ordentliche Anstiege, die mit dem Rucksack auch nicht mehr in die Kategorie “Spaziergang” eingereiht werden können.
Nach einer angenehmen Nacht im Kloster-Nobelzimmer sind wir frohgemut nach Barfrühstück aus der Stadt hinausgerabt. Auch heute entgingen wir dem Verkehr auf den Hauptstraßen nicht, aber die Pilgerroute führte bald auch über Nebenstraßen und nettere Wege. Auch einige km grasiger Uferdamm weren dabei, die uns ins gemütliche Innenstädtchen von Camaiore führten.
Dort gab es vor einem netten Cafe in der Sonne eine längere Rast.
Der ganze Tag war ja von der Ungewissheit überschattet, wo wir abends schlafen sollten. Zur Auswahl stand in der angemessenen Distanz ja nur ein Pfarrhof in dem winzigen alten Dorf Valpromaro gegen Spende. Das lässt für den erfahrenen Pilger nur den Schluss zu, dass es dort weder Bettzeug noch Handtücher und sonstige Annehmlichkeiten gibt, ganz zu schweigen von den hygienischen Verhältnissen etc.
H & J wollten das absolut gar nicht, weil sie auch keinerlei Herbergsausrüstung mit haben. Irgendwie waren wir aber zuversichtlich, doch was zu finden.
Sehr steil gings durch Oliven- und Bambushaine nach Montemagno hinauf und wenn man auf der Karte sieht, wie kurvig die Straße da hinaufführt, kann man sich ganz gut vorstellen, wie steil unser Direttissimapfad sich gestaltete.
Ziemlich sonnig und straßenlastig ging es dann noch ein paar km hinab nach Valpromaro. Vor der einzigen, eher ärmlichen Bar am Ortseingang erkannte uns sofort ein “wichtiger” Mann als Pilger, und geleitete uns ungefragt, unverzüglich und seiner Sache völlig sicher in die dortige Pilgerherberge, eben diesen alten Pfarrhof.
Dort überraschte uns ein unglaublich liebevoll ausgestattetes Pilgerquartier mit sauberen und modernen Sanitärräumen, einer Küche voll bestückt mit Lebensmitteln und Getränken sowie einem Schlafraum mit annehmbaren Betten. Der Clou bestand aus einem Wäschekasten voll mit originalverpacktem Einwegbettzeug und jeder Menge Handtüchern – alles zur freien Entnahme, sauber und hygienisch.
Es war so ein einladender und netter Gesamteidruck, dass wir spontan beschlossen, hier zu bleiben – zumal wir auch nur zu dritt blieben und keine weiteren “Fremdpilger” angesagt waren.
Neben dem Pfarrhof ist ein Allerweltsladen, wo wir uns sicherheitshalber mit Wein, Keksen und Erdnüssen eingedeckt haben, die wir gleich darauf in unserer Pilgeridylle verdrückten.
Am Abend speisten wir im einzigen Lokal der Umgebung riesige Portionen von köstlichen, hausgemachten tortelloni und Salatschüssel um einen Spottpreis von € 35,- für alle drei inkl. Getränke. Dermaßen gut und reichlich haben wir eigentlich nirgends gegessen. Die Wirtsleute verabschiedeten und dann auch ganz herzlich mit einem “pace” für unseren weiteren Pilgerweg nach Rom. Joachim meinte, dass sie alle uns ein wenig von ihren “Sünden” mit auf den Weg mitgeben, wenn sie schon nicht selber pilgern können…..
Der kleine Wermutstropfen für mich – absolutes Empfangsloch für mein Internet.
Morgen geht es dann nach Lucca, da wird alles nachgeholt.
Jedenfalls sind wir hier sehr glücklich in der einfachen, idyllischen Einsamkeit von Valpromaro.
Kurznachricht
Gerade bekommen:
Lieber Ekke.
Sind gut in Valpromaro angekommen und haben uns im urgemütlichen, einfachen Pfarrhof einquartiert. I-phone Empfang minimal 100m vom Haus weg. Blog geht überhaupt nicht. Vielleicht finden wir Abend eine Stelle.
Bitte Bescheid sagen.
Danke und alles Liebe, Heidi
50. Etappe
(Marina di Massa) – Massa – Montignoso – Strettoia – Vallecchia – Pietrasanta (Casa di Spiritualita)
07:40 – 14:00h, 4km mit dem Bus, dann 15km gewandert
Gemütlich sind wir noch in der Morgendämmerung in ein Cafe am Hauptplatz zum Frühstücken aufgebrochen. Wächters können ihr Auto für ein paar Tage im Garten des Hotel Kelly beruhigt stehen lassen.
Da Joachim erst am richtigen Pilgerweg gehen wollte, “mussten” wir die 4km bis Massa “leider” mitdem Bus fahren.
Dann gings noch ein paar km eher unhübsch auf der stark befahrenen Ausfahrtstraße dahin bis wir dann in wunderbares Hügelgelände abbiegen konnten. Von oben hatten wir traumhafte Fernsicht runter zum Meer.

Auch die Vegetation ist hier schon sehr mediteran – Olivenhaine, Wein, Palmen, Kakteen.
Im Schatten ist es auch gar nicht mehr so warm, was aber beim Gehen nichts ausmacht, aber im direkten Sonnenschein kommt man noch ziemlich ins Schwitzen.
Da die ganze Gegend offenbar zum großen Teil vom berühmten Carrarer Marmor lebt, kamen wir natürlich auch an zahlreichen Marmor verarbeitenden Betrieben vorbei. Die sind riesig und nicht besonders schön in der Landschaft, gehören aber klarerweise hier her.
Eine ganz gemütliche Mittagspause mit Käse, Salami und Brot gönnten wir uns auf einem kleinen Wiesenfleck direkt unter einem Olivenbaum.
Vor Pietrasanta haben wir uns sogar einmal kurz verloren. Ich bin es nicht gewöhnt, oft stehen zu bleiben und hab die beiden unabsichtlich einfach abgehängt, weil ich dachte, die sind eh hinter mir.
Da war aber auch schon der “Stalltrieb” mein Begleiter.
In Pietrasanta, unserem Tagesziel war es natürlich wunderbar, nicht allein zu sein. Joachim bewachte in einer Bar unser Marschgepäck und Hemma und ich zogen unbeschwert los, um ein nettes Quartier zu finden.
Zur Auswahl standen ein lautes BB um 100,-, ein teures Hotel um 150,- und ein vornehmes Kloster mit Pilgerraum um 30,- jeweils für alle drei ohne Frühstück.
Der Pilgerraum mit zwei Stockbetten ohne Bettzeug und einem zu erwartenden Fremdpilger war so gar nicht das, was wir wollten.
Die sehr vornehm tuende Nonne reagierte auch etwas pickiert, als wir nach etwaigen Zimmern mit Bettzeug und ohne andere Leute fragten.
Darauf stellte sie gleich unsere Pilgerschaft infrage, weil echte Pilger immer mit ihren Stockbettraum zufrieden sind und außerdem hätten echte Pilger Rucksäcke und Stöcke und selber Schlafsäcke mit.
Ich drohte dann mit meinem Pilgerpass und mit dem Mann, der auf all unser Pilgergepäck aufpasste und siehe da – sie rückte mit einem traumhaft großem 3-Bettzimmer raus, blütenweiß bezogen mit edlem Nassraum, der keine sanitären Wünsche offen lässt und wunderbarem Blick über die Altstadt.
70,– für uns drei erschienen uns wohlfeil und so logieren wir jetzt sehr angemessen und die pikierte Nonne überdenkt vielleicht gerade das Pilgern neu. Sie grummelte zum Abschied noch sowas wie “lusso” (=Luxus) in ihre Armani-Soutane und entschwand.
Ich bin froh, dass auch Hemma und Joachim aus dem Jungscharlager-Romantik-Alter raus sind und eher was Solides bevorzugen, das aber auch nicht zu viel kostet. So sind wir froh auf einer Welle und haben heut genau das gefunden, was wir wollten.
Morgen wird das vielleicht nicht so einfach werden, denn 33km bis nach Lucca sind uns zu weit und dazwischen ist nur ein Pfarrhof ?!? angegeben und sonst nichts. Ich hab auch schon vergeblich nach BBs gefahndet. Nun, vielleicht tut sich ein agriturismo auf. Wir werden nicht unter der Brücke schlafen.
Dann war Stadtbummel dran und Essen. Leider war die Spaghettiportion mit Muscheln für uns drei enttäuschend klein, dafür teuer. Heute durfte es aber ein zweites Glas Wein sein, dank der Klosterpreise.

















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