Rasttag – nicht ganz freiwillig

Völkermarkt – 09.30h

Ach meine lieben – Gott sei dank könnt ihr mich grad nicht sehen, wie ich da in meinem Hotelbett trohne und mir die Tränen runterrinnen – nein, nicht weil der Fuß so weh tut, sondern wiel ich grad so gerührt bin über eure lieben, ehrlichen und aufmunternden Kommentare.

Aber ich bin heut überhaupt sehr nahe am Wasser. Vielleicht ist das auch ein Zeichen des Körpers und der Seele für eine Pause.

Ganz so schlecht hab ich es ja nicht getroffen. Ich hab ein übergroßes Einzelbett und residiere mit dem netbook auf den Knien, TV gegenüber, rechts und links Nachtkästchen mit lebenswichtigen Sachen wie Tee, Stifterl (erst für den Abend), Handy, Kabel, Heilsalben, Logikrätsel. Gestern hab ich mir noch Vorräte an Weckerln, Dauerwurst, Schinken, Streichkäse und Joghurt gekauft. Es ist also für ein Überleben gesorgt.

Leider spricht mein Knöchel noch eine überdeutliche Sprache. Das Auftreten ist schmerzhaft, mit elastischer Binde und allen Schmieragen geht es aber nach ein paar Schritten besser. Das will ich aber heute gar nicht trainieren, denn ich hab mich entschlossen, wirklich im Bett zu bleiben, immer wieder zu salben und dem Kerl und mir auch Ruhe und Entspannung zu gönnen.

Es wäre ja der totale Genuss, wenn ich die Gewissheit hätte, das es dann morgen wieder vorbei ist und ich schmerz- und beschwerdefrei einfach weiter gehen kann.

Vielleicht ist diese (Zwangs-) Pause aber auch gut, mir einmal wirklich Gedanken zu machen, was ich denn eigentlich will. Diesen Aspekt dürfte ich doch in meinen Vorbereitungen vernachlässigt haben.

Ich dachte immer, die Geslassenheit kommt mit dem Weg automatisch. Das ist aber nicht so. Wenn sich in mir auch nur der Hauch eines Gedankens einschleicht wie z.B.  - ich könnte doch vielleicht am kommenden Wochenende schon bei meinen Freunden in Bad Bleiberg sein, oder auch nicht... - dann setzt irgendein teuflischer Mechanismus in meinem Hirn ein, der das sofort zum unumstößlichen Gesetz macht – heißt: ich muss unter allen Umständen spätestens am Freitag nachmittags bei meinen Freunden sin Bad Bleiberg sein. Das …oder auch nicht… entfällt total. Da gibt es plötzlich keinen Plan B mehr.

Ich weiß selber nicht, warum das so ist, weiß nur, dass das in meinem Leben immer so war. Ich konnte auch nie eine Schnellbahn oder U-Bahn später fahren, oder fahren lassen, weil sie zu voll ist – denkunmöglich. Ich bekomme Zustände, wenn ich das Gefühl habe, irgendwohin auch nur 5 Minuten zu spät zu kommen – da komm ich lieber gar nicht. Ich war immer von einer fanatischen Pünktlichkeit und ekelhaften Zeiteffizienz (hab ich schon mal erwähnt). Dafür kann man sich auf mich auch immer total verlassen – ich bin da – ich erledige alles zuverlässig und in der bestmöglichen Zeit – bin ein Fels in der Brandung (mit Grabsteinqualität)…. und vieles mehr -durchaus auch positive Eigenschaften.

So, und jetzt fällt mir das auf den Kopf. Ich will nach Gott weiß wohin gehen, weil ich mich im gemächlichen Tempo des Gehens spüren will, weil ich Langsamkeit lernen will, Spontaneität, Gelassenheit mit mir und der Umwelt.

Und was mach ich? Ich renne los, will mich ständig steigern, setze mir unumstößliche Ziele, will natürlich auch bewundert werden und vor mir selber gut dastehen.

Leider hab ich in meiner Vorausplanunng auch nicht bedacht, dass ich dazwischen genügend erholsame Rasten brauche. Aber ich mache die traurige Erfahrung, dass hier nicht alle paar Kilometer nette Wirtshäuser auf mich warten. Die meisten sind geschlossen oder es sind einfach keine da. Gestern war ich auch deswegen so ausgepowert, weil ich genau merkte, dass ich nach jeder kleinen Pause immer mehr Schmerzen im Knöchel bekam – also machte ich erst gar keine, sondern ging weiter. Als es fast nicht mehr ging, setzte ich mich im Regen höchst unbequem auf einem Holzstoß, wo ich die Beine nicht einmal ausstrecken konnte. Außerdem hatten die zahllosen Waldameisen sofort Gefallen an meinen Zehen gefunden – also wieder weiter, denn ich wusste ja auch, dass das nächstmögliche Nachtquartier noch viel zu weit weg war.

Das ist enormer Stress und das war zu Haus am Reißbrett natürlich nicht vorhersehbar. Da denkst du: 25 km am Tag – absolut kein Problem – 4 km Schnitt, 1-2 Stunden Rastpausen – bist maximal 8 Stunden gemütlich unterwegs – also von 08.00-16.00h. Da ist dann auch noch Zeit am Abend, da kannst vielleicht auch noch cachen gehen…..

Der 17 kg schwere Rucksack zieht natürlich auch viel Energie ab. Klar wusste ich auch zu Haus, dass das kein Honiglecken wird, aber ich wusste auch, dass sich der Körper an das Gewicht gewöhnt – und das ist auch so. Ich hab in den ersten Tagen viel öfters vom “Monster” geschrieben, das ist jetzt nicht mehr so schlimm. Mein Gestell kennt nun den Gesellen, meine Wohlstandsringe haben dem Bauchgurt Platz gemacht und die Quetschwunden der ersten Zeit sind verheilt.

Das Gewicht für die Füße bleibt aber gleich und die Wichtigkeit von Erholungspausen während des Tages steigt.

Ich weiß nicht, was ich jetzt für Lehren aus den Gedanken ziehen soll?

Soll ich kürzere Etappen gehen? Was hilft das, wenn am Ziel kein Nachtquartier zu finden ist? Soll ich die Etappen nach den Nachtquartieren wählen und die schon vorher telefonisch bestellen? Was ist, wenn mir dann der Weg dorthin zu lang oder zu kurz wird? Außerdem bin ich ja kein Reisebüro mit fix vorbestellten Quartieren.

Ich bin aber auch (noch) nicht der “Hans im Glück” der lustvoll und völlig planlos durch die Welt zieht und sich an allem – sogar an jedem Scheiß – erfreuen kann.

Jetzt mach ich einmal Schluss mit meinen Gedankenspielereien – aber das ist halt auch ein Effekt vom Pause machen.

Und in Wirklichkeit hoffe ich inständig, dass es morgen weitergehen kann – schmerzfrei wenn möglich, denn ich will nicht morgen in den Zug nach Wien steigen müssen, um die Reise zwangshalber zu unterbrechen!!!

14.00h

Der Rasttag tut gut. Ich hab mir gerade alle eure so herzlichen, aufbauenden und so goldrichtigen Kommentare durchgelesen und bin immer wieder sehr angerührt davon und sie helfen mir auch – teils als Trost – teils als ganz wichtiger Gedankenanstoß. DANKE euch allen, auch wenn ich es noch nicht schaffe, euch einzeln zu antworten.

Den ganzen Vormittag hab ich damit zugebracht, auf meinen virtuellen Karten die etwaigen, weiteren Etappen bis Bleiberg-Kreuth auszustecken. Sie haben alle bis maximal 20km und ich hab auch potentielle Rast-Gasthäuser in mein Navi eingespeichert. Der weitere Drauradweg von Völkermarkt bis Villach scheint netter zu werden und führt nun tatsächlich an der Drau entlang. *Pssst* Ganz geheim – ich hab auch schon in meinem hoffentlich, wahrscheinlich, bitte bitte, morgigen Nachtquartier  (GH Annabrücke) angerufen und ein Zimmer vorbestellt – mal nur so prophylaktisch *Pssst*

Grad hab ich das mitgebrachte, kalte Reststück Pizza von gestern verdrückt  (und schon mal das erste Stifterl angefangen *auch Psst*). Dazwischen schmiere ich regelmäßig meinen Knöchel und sicherheitshalber gleich das Knie dazu – bleibe aber bis auf die nötigsten Verrichtungen im Bett liegen.

Beim letzten Mal aufstehen und rumgehen hat es schon weniger weh getan – ich hoffe weiter.

Damit ihr auch sicher ganz bei mir sein könnt – hier drei Fotos. 1) da lieg ich, 2) das seh ich, wenn ich liege, 3) so schauts aus, wenn ich aus dem Fenster sehe – ich logiere im 3.Stock.

     

Also bite weiter Daumen halten, damit ich morgen weitergehen kann und bitte auch weiter mit mir in Kontakt bleiben – das hilft wirklich.

18.30h

Von Molly’s Kommentar – siehe unten – inspiriert, öffne ich soeben das zweite (und leider letzte) Stifterl und schreite zur “Abendandacht”

Mir geht es psychisch ganz gut, ich genieße fast das Nichtstun, denn sowas kenn ich ja gar nicht. Zu Hause find ich immer was, aber hier im Hotel hab ich wirklich nur das Bett, netbook, TV und meine Rätsel.

Gefühlsmäßig erholt sich der schmerzende Knöchel, aber das ist natürlich auch nicht wirklich der entscheidende Test vom Bett zum Clo und wieder zurück.

Ich hab folgenden Plan:

Morgen wird ganz normal aufgestanden, gesalbt und zum Frühstück geschritten. Dann gehe ich in die Apotheke und kauf mir eine 8er-Schlinge. Dann wird ganz normal die Kampfmontur angelegt, das Zimmer geräumt und der Rucksack geschultert. Dann werden die Stöcke NICHT wie Krücken benützt und dann geh ich aus dem Hotel.

Dort fällt dann die Entscheidung, geh ich in Richtung Drau oder in Richtung Bahnhof.

Ich werde keinen zweiten Tag hier im Hotel verbringen. Das Geld investiere ich lieber in eine Fahrkarte nach Wien und schau dort zum Arzt meines Vertrauens oder in eine Unfallambulanz. Wenn dann wirklich alles wieder gut ist, dann fahr ich wieder hier nach Völkermarkt und mach halt eine Woche später oder so weiter.

Lieber würd ich zur Drau runter gehen und meinen Weg gleich dort fortsetzen, aber ich will mir jetzt nichts kaputtmachen, was ich vielleicht später noch brauche.

Heiderl – G’scheiderl!!! :)

Zufrieden????? ihr alle????? :ja:

Na hoffentlich doch :engel:

22.00h

So, nun Gute Nacht ihr Lieben. Die virtuelle Bettparty, die sich da heute entwickelt hat, ist nun zu Ende. Sie hat mir große Freude gemacht. Wie’s kommt, so kommt’s und irgendwann geht die Reise auf jeden Fall weiter – wenn nicht morgen, dann halt ein bisserl später.

Dank euch herzlich für den Rasttag, der durch eure lieben Kommentare wirklich fein geworden ist – Heidi

18. Etappe

Lavamünd – Völkermarkt (aber geschummelt)

Ab um 08.30h, an gegen 15.00h, km-Ausbeute 17  :(

Hallo liebe Fangemeinde!

Eine ganz traurige Heidi liegt in einem öden Hotelzimmer in Völkermarkt, das netbook auf den Knien und lässt einen durch und durch missglückten Tag vorbeiziehen.

Ich hab schon einmal nicht gut geschlafen und war oft wach. Seit dem gestrigen Stolperer mit dem Stock schmerzt mein rechtes Schienbein und das hat sich heute früh zum Knöchel hinuntergezogen, der auch etwas aufgeschwollen ist. Na, ich hab gut geschmiert, das linke Knie auch und bin dann eher lustlos aufgebrochen.

Die Lust hat sich auch am Weg nicht eingestellt. Der Drauradweg von Lavamünd westwärts stellte sich die ersten 11km als asphaltierter Nebenstreifen einer stark befahrenen Bundesstraße heraus. Von der Drau selber war überhaupt nichts zu sehen. Also 11 km in einem sterbenslangweiligen Gebiet durch Maisfelder auf Asphalt hatschen. Es war auch keinerlei Einkehrschwung mit stärkendem Kaffee möglich, weil alle infrage kommenden Gasthäuser das ganze Wochenende geschlossen haben. Des Rätsels Lösung bildet das „Bleiburger Wiesenfest“ – das größte jährlich stattfindende Volksfest der Region. Dort ist die ganze Gastronomie versammelt und ich stand ständig vor geschlossenen Wirtshäusern.

Die einzige Abwechslung bildete nach 11km die imposante Hängebrücke über die Feistritz, die ich wackelnd überquerte und damit die öde Bundesstraße wenigstens hinter mir hatte.

  

Dann begann es erwartungsgemäß zu regnen und ich trabte bereits zart hinkend weiter durch die Maisfelder. Ein vorbeikommender Jäger hat mir dann auch noch viel Energie abgezogen, denn er behauptete im ganzen Umkreis der nächsten 20km gibt es kein Gasthaus.

Kühnsdorf, das ich mir heute als Etappenziel ausgesucht habe, lag noch etwa 15 km vor mir und ich war aber schon 13km am Asphalt getrabt. Als mir Martin dann noch telefonisch berichtete, dass in ganz Kühnsdorf auch kein Beherbergungsbetrieb zu finden ist, sank meine Wanderlaune auf den Tiefpunkt.

Ich rastete auf einem Holzstoß am Waldesrand bei Wasser und Brot und war ziemlich verzweifelt.

Vielleicht liegt die Grundstimmung eines Tages schon in der Tatsache, dass ich auch heute noch nicht genau wusste, wo ich schlafen werde – ähnlich wie vergangenen Freitag in Söding.

Nach jeder kurzen Rast – für eine lange, erholsame Rast waren weder Wetter noch Umgebung brauchbar – tat mir mein Knöchel noch ein bisserl mehr weh. Mittlerweile führte der Asphaltweg nur mehr durch Botanik und winzige Streusiedlungen, die die Bezeichnung „Dorf“ gar nicht mehr verdienen. Das ist hier auch zweisprachiges Gebiet mit viel Slovenischer Bevölkerung. Ich schleppte mich dann bis Rinkenberg, 17km und blieb dort vor einem ebenfalls geschlossenen Gasthof einfach sitzen und wartete auf die Eingebungen des Universums.

Ich wusste, dass ich es bis Kühnsdorf nie schaffen würde, außerdem gibt es dort ohnehin nichts zum Schlafen. Die nächste größere Stadt ist Völkermarkt und bis dorthin schaff ich es schon gar nicht, außerdem liegt die auf der anderen Seite der Drau. Bleiburg kam wegen des Riesenfestes überhaupt nicht infrage. Ja, und natürlich steht in solchen Situationen auch immer drohend ein Gewitter am Himmel – also was tun?

Ich beschloss, Schwäche zuzulassen und gestand mir ein, mich vergeigt zu haben. Die einzige für mich realisierbare Möglichkeit war, ca. 1 km zurück zur nächsten größeren Straße zu gehen und dort stoppenderweise ein Auto nach Völkermarkt zu finden.

Nun soweit kam es gar nicht mehr, denn mein Knöchel schmerzte beim Aufstehen so, dass ich nicht einmal mehr das für machbar hielt.

Da schlug das Universum zu in Form einer ganz lieben jungen Frau, die in diesem Winzig-Dorf fünf Eseln versorgte. Diese bat ich schweren Herzens aber rundheraus um Hilfe. Sie war mein Engel und brachte mich tatsächlich kurzerhand mit ihrem Auto nach Völkermarkt und setzte mich beim ersten auffindbaren Hotel ab. Das waren sicher noch 15-20km. Zu der Zeit hatte das Gewitter dann auch schon voll eingesetzt und ich kam wieder einmal triefend nass und ziemlich hinkend und natürlich enttäuscht von mir und besorgt wegen meines Knöchels dort an.

Von der Frau weiß ich keinen Namen, nur dass sie lange Zeit in Wien in der Reisebranche gearbeitet hat und auf der Perchtoldsdorferstraße gegenüber vom Liesinger Bad gewohnt hat!?! (Nein – es gibt keine Zufälle) Jetzt hat sie auf Arbeit mit psychisch kranen, alten Leuten umgesattelt und ist glücklich, wieder in ihrem Heimatort und bei ihren Eseln zu sein.

Sie wollte auch absolut kein Geld annehmen und war viel zu schnell wieder verschwunden…..

Seit etwa 15.00 lieg ich jetzt geduscht und gesalbt und verzagt im Bett und weiß nicht recht, wie es weitergehen soll. Draußen regnet es immer noch. Es ist aber Samstag und ich sollte noch ein paar Vorräte kaufen.

Wahrscheinlich sollte ich aber auch meinen Knöchel schonen, aber das muss ich auf nachher verschieben. Es regnet immer noch und ist grau und trüb, so wie meine Stimmung.

Vielleicht hab ich mir doch in den letzten Tagen zu viel zugemutet. Es waren die beiden vergangenen Etappen schon hart und heute war es – trotz ebenen Weges – einfach zu viel.

Haltet einmal ein bisserl die Daumen, dass sich der Knöchel beruhigt und es morgen wieder weitergehen kann.

18.30h

So, nachdem mein Körper offenbar nach einem Ruhetag schreit, werd ich halt nachgeben und den morgigen Sonntag hier im Hotelzimmer verbringen. Der Entschluss ist mir relativ leicht gefallen, weil ich bei jedem Schritt im rechten Knöchel (nein, wieder nicht im linken Knie) stechende Schmerzen habe.

War gerade noch in einem Supermarkt einkaufen und hab schon am Stifterlsektor für morgen vorgesorgt. Aber der Gang durch Völkermarkt war eine Qual und so ist an ein Weitergehen morgen wirklich nicht zu denken. Dann hab ich noch lustlos in einem Lokal eine Pizza gegessen. In die wär ich vor Müdigkeit fast hineingekippt.

Ok, ok, ok – es ist eine Pause fällig. Mich macht nur so besorgt, ob es dann auch wieder gut ist. Ich hab mir den K öchel eigentlich nicht verletzt, bin auch nie umgekippt. Gestern hab ich mir 10 cm darüber sehr stark den Stock versehentlich draufgeschlagen. Dort spür ich schon noch was, aber nicht viel, dafür sticht der Knöchel schrecklich.

Alle mitgeflogenen, verfügbaren Schutz- und Knöchel-Engel -bitte macht was, denn ich möchte übermorgen frisch gestärkt und möglichst schmerzfrei weitergehen – DANKE

ALLTÄGLICHES

Auch wenn jeder Tag meiner wunderbaren Wanderung ein anderes Gesicht hat, keine Gegend total der anderen gleicht, so haben sich doch im Lauf der Zeit – und jetzt sind es doch schon 12 Tage, die ich ununterbrochen unterwegs bin – kleine Rituale, Gewohnheiten oder Gesetzmäßigkeiten herausgebildet – Tätigkeiten und Situationen, die doch täglich die Gleichen sind, die auch sowas wie Struktur und Sicherheit bedeuten und die mir lieb und wichtig geworden sind.

Um nicht täglich vom wohligen Duschen oder dergleichen zu berichten, schreibe ich diesen Artikel.

Also der Tag beginnt in jedem Fall ohne Wecker. Und meist wache ich so rund um 06.00h auf. Obwohl ich immer gut schlafe, weiß ich am Morgen genau, wo ich bin. Meist greife ich automatisch ins Nachbarbett – falls vorhanden – und vermisse meinen Martin.

Als Erstes spür ich dann in mich hinein. Was tut weh? Was tut sehr weh? Und wie komm ich heute aus dem Bett?

Das war vor allem in den ersten Tagen ein echtes Problem. Ich hatte solche Muskelschmerzen, dass ich mir im Liegen erst mal alles warm massieren musste, um nicht auf allen Vieren aufs Clo zu kriechen.

Jetzt geht das schon prima und nach der Morgentoilette wird gesalbt, massiert, verpflastert, was halt nötig ist.

Dann wird – falls Netz vorhanden – mit Martin morgendlich geturtelt und wir skizzieren beide ungefähr unsere Tage.

Zwischen 07.00 und 07.30 gibt es in den meisten Quartieren Frühstück. Meinen haben Liter Schwarztee hab ich noch überall bekommen und auch sonst ist das Frühstück meist reichlich bemessen. Da sind aber die ausgesprochenen Wanderquartiere (die mit den tollen Tapeten) viel reichhaltiger, als die „Nobelherbergen“.

Nachdem ich so zeitig noch nicht so viel verdrücken kann, pack ich meistens zwei Semmeln oder Brote mit Wurst, Schinken, Käse als Reiseproviant für den Tag ein. Da hat sich auch noch niemand dran gestoßen – das Frühstück ist schließlich im Zimmerpreis drin. Nur in einem Hotel mit Frühstücksbuffet stand ein Schild mit der Bitte „aus Rücksicht auf die anderen Gäste wird gebeten, nichts mitzunehmen“. Ich nahm keine Rücksicht, brutal wie ich bin.
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17. Etappe

Soboth (1.060m) – Lavamünd (350m)

Abmarsch 09.30h, Ankunft 16.00h, 20,2km, 370hm hinauf und 1.000hm hinunter am Stück!!!

Hallo ihr Lieben. Das war heut ein durchwachsener Wandertag und ich hab fast alle Entscheidungen richtig getroffen – aber nur fast.

Am Morgen Regen. Gespräch mit dem linken Knie. Da fiel die Entscheidung gegen den markierten Pilgerweg und für die Bundesstraße 69 aus.

Der Pilgerweg hätte noch erheblich mehr Höhenunterschiede gehabt und wäre bei Regen sicher sehr rutschig gewesen. Ich wollte aber wegen des Knies und des Wetters lieber barfuß in den weicheren Sandalen gehen. Außerdem hat eine Bundesstraße immer die sanfteren Steigungen oder Gefälle als Wanderwege. Dann war noch die Überlegung, dass auf der Bundesstraße immer auch kleine Wartehäuschen bei Bushaltestellen bzw. Milchabladehäuschen der Bauern sind, wo ich mich ggfs. Bei starkem Regen unterstellen kann.

Kurzum ich hab heute länger und genüsslicher gefrühstückt und bin dann die Bundesstraße losgetrabt. Sie führt zur Gänze durch dicht bewaldetes Gebiet. Dazwischen liegt ganz malerisch ein großer Stausee – landschaftlich also durchaus reizvoll. Außerdem war sie heute wegen des Wetters nur so spärlich befahren, dass ich oft bis zu 10 Minuten kein Auto sah. Die wenigen konnte ich auch gut hören und rechtzeitig auf den Grünstreifen in die sichere Zone wechseln. Es war eigentlich sehr schön und meditativ und nicht besonders anstrengend trotz der vielen Höhenmeter bergab. Auch mein Knie war friedlich.

Tja und dann traf ich die falsche Entscheidung. Im letzten Drittel der Straße gibt es eine ungeheuer lange und weite Kurve. Ich sah auf meiner Karte, dass man die wunderbar vermeiden kann, wenn man an der richtigen Stelle das kleine Wegerl hinunter nimmt, wo man dann auf eine kleine, direkte Waldstraße kommt, die viel kürzer nach Lavamünd führt.

Da hab ich dann völlig neue Erkenntnisse gewonnen: Jetzt weiß ich, wie sich ein Stromschlag von einem elektrisch geladenen Rinderzaun anfühlt. Auf diesem „netten Wegerl“ musste ich nämlich mindestens vier Mal über so harmlos aussehende Absperrungen klettern, weil das Wegerl nämlich über Bauerngrund führt. Jetzt kann ich das wohl schon ganz gut – auch mit dem Rucksack, wenn der Zaun nicht zu hoch ist. Nur hab ich diesmal meine Stöcke nicht bei den Gummigriffen gehalten, sondern am Metall…. Autsch – war nicht angenehm.

Kaum durch die Weiden durch führte das Wegerl total verwachsen in eine kleine Schlucht wo man durch hüfthohes Unkraut, Brennesseln und Sumpf watend dann ein kleines Bächlein durchwaten musste. Auf der anderen Seite ging gar nichts mehr. Ich kämpfte mich dann weglos zu einem Gehöft hinauf und machte dort bei der verdutzten Frau wieder auf arme, verirrte Wandertussi. Sie war nach dem ersten Ärger aber freundlich und zeigte mir einen gangbaren Weg zur Waldstraße und schenkte mir noch einen wunderbaren Paradeiser aus dem Garten.

Ich war nur mehr etwa 3km von Lavamünd entfernt, musste aber doch erschöpft einmal lange rasten. Bei dieser Wegerl-Tortour hab ich mich auch einmal mit den Wanderstöcken verheddert, dass ich förmlich darübergestolpert bin und mir einen Stock sehr fest aufs Schienbein geschlagen habe. Das tut jetzt ziemlich weh.

Um 16.00h bin ich dann doch in der kleinen Stadt eingetroffen. Der freundliche Wirt von der Soboth hatte mir bereits im Gasthof Torwirt ein Zimmer vorbestellt. Ich weiß nicht, ob ich erheblich später angekommen wäre, wenn ich die lange, weite, gemütliche Umwegkurve der Bundesstraße genommen hätte – NEIN, die oberg’scheite Wanderfrau nimmt doch lieber die steilen Abkürzungswegerln, die außer auf Wanderkarten sonst nirgends mehr existieren.

Warme Dusche ist nach so einem Tag immer das Erste und immer eine Wonne. Dann folgen Wundbeschau und Salbungen. Schon wieder etwas munterer, weil gepflegt und gestylt (und mit Lippenstiftlein) geh ich dann in den Ort zum Einkauf. Es ist jetzt schon schöner Brauch, das Stifterl, das prickelnde Mineralwasser und das Vanillejoghurt zu besorgen. Damit vergnüge ich mich immer nach dem Abendessen, wenn ich wieder auf dem Zimmer bin und im Blog wühle und hoffe, dass ihr mir wieder brav schreibt.

Ich habe übrigens die Entscheidung getroffen, den Kärntner Mariazellerweg jetzt zu verlasen und rechts oder links entlang der Drau meinen Weg bis Villach fortzusetzen. Da gibt es erstens den ausgewiesenen Drau-Radweg und auch sonst viele Spazierwege durch Äcker und Wiesen. Das ist zwar auch viel Asphalt, dafür aber meist gerade. Ich hoffe, in den umliegenden Dörfern auch passende Quartiere zu finden. Es sind von hier bis Villach ca. 140km. Das müsste leicht in 5-7 Tagen zu schaffen sein.

Es wird sicher anders und ich werde die Berge, Almen und Waldwege vermissen, aber Fluss- und Aulandschaften haben auch ihren Reiz und ich kann mein Gestell da eher mehr schonen. Lust auf einen Rasttag hab ich nicht!!!

16. Etappe

Eibiswald – Soboth (1065m)

08.00h Abmarsch -16.00h Ankunft, 21km, 1.200 hm.

Geschafft, aber fröhlich kaputt sitz ich jetzt in meinem Hotelbett und verfasse meinen täglichen Bericht. Das ist mir nicht nur innerliche Pflicht, sondern auch eine Freude. So kann auch ich den Tag mit seinen Hochs und Tiefs noch einmal vorbeiziehen lassen und ihr habt auch was davon.

Sehr schwer nahm ich heut Abschied von meinem wunderbaren Zimmer beim Eibiswalder Kirchenwirt. Eine liebe Geste von der Wirtin: sie schenkte mir nach dem Frühstück eine schöne Birne als Reiseproviant.

Ich blickte in einen strahlend sonnigen, aber nicht zu warmen Wandertag und ging motiviert los. Der Weg war eine schmale Asphaltstraße in wunderschöner Landschaft und stieg kontinuierlich an. Kurze Rast am Rajock – ein ehemaliges Wirtshaus. Weiter ging es total unproblematisch durch Wiesen, Wälder und durch kleine Gehöfte. Nicht überall waren Leute, aber die wenigen waren freundlich.

Nach 4 Stunden konstantem Bergauf an unzähligen, unterschiedlichsen Pilzen vorbei, hatte ich den Gipfel erreicht – den Haderniggkogel. Der war völlig unspektakulär – eigentlich nur ein Grasplatz mitten im Wald mit Hinweistaferln in alle Richtungen. Es war nicht einmal ein Baumstumpf da für meinen Rucksack. Ziemlich müde legte ich mich halt ins Gras. Bin ich froh, dass ich mir ganz zum Schluss noch ein etwa Türdacken-großes Stück Isomatte eingepackt habe. Leider gabs in diesem Waldplatz keinerlei Aussicht und es wurde bewölkt und kühl. Drum giong ich nach kurzer Stärkung weiter.

Jetzt waren 500hm bergabgehen gefordert. Da heißt es klugen Stockeinsatz machen. Seit gestern spricht ja mein linkes Knie (Innenseite unter der Kniescheibe) mit mir. Ich hab heut vor dem Weggang mit Sissy’s Zauberschnaps geantwortet und noch ein wenig Voltaren-Gel aufgelegt. Trotzdem muss ich bei scharfen Abstiegen vorsichtig gehen. Vorsicht war dann auch sehr angesagt, denn der Weg war streckenweise abenteuerlich steil, nass und rutschig. Endlich erreichte ich den tiefsten Punkt – einen Wildbach, der über eine nasse Holzbrücke zu queren war. Dort wollte ich etwas länger rasten und mich für den Aufstieg stärken, doch es war dort so kalt und feucht, dass ich bald wieder losmarschierte.

  

Die folgende steile Bergaufstrecke war total ungemütlich. Alles war bis hüfthoch wild verwachsen mit Farnen, Brennesseln und Brombeerranken. Dabei wurde der Weg erst kürzlich frisch markiert. Wenn diese Markierungen nicht gewesen wären, hätte man den Weg niemals als Solchen erkannt. Meine gepflegten Beine haben gepflegte Kratzer, Schrunden, Rötungen und einen Zeckenbiss – that’s life.

Noch einen Bach galt es zu überqueren. Die Brücke war total kaputt, da musst ein “Gazellensprung” über die nassen Steine her.

  

Es war auch kein netter Platz zum Ausrasten da und dich wollte schon endlich ankommen, drum hab ich nur zwischendurch getrunken ohne Stehenbleiben. Das rächte sich bei den letzten 100 Höhenmetern. Da war der Ort Soboth schon in Sicht und seine beiden Gasthäuser, aber ich kam nur mehr quasi Zentimeter-weise weiter. Um 16.00h war ich endlich am Ziel und erklomm mit dem freundlichen Wirt vom Gasthof Messner den 2.Stock (typisch!).

Was danach kommt, war bis jetzt in allen Herbergen gleich: Tür versperrt, Rucksack runter, Waschzeug geschnappt, Wanderkleidung vom klebrigen Körper gerissen und ab in die Dusche. Das ist ein Wonnegefühl, das ich gar nicht beschreiben kann und ich genieße es auch ausgiebig.

Danach muss die Energie noch reichen für das Wäsche waschen. Die Funktionssachen habens immer nötig und ich hab sie gerne am Morgen frisch und sauber.

Die Soboth ist ein kleines, sehr hochliegendes Grenzlanddorf und hat ein „Kaufhaus“. Das ist auch so ein Relikt aus alten Zeiten. Man kriegt in diesem Allerweltsladen wirklich alles, von Lebensmitteln, über Schuhe, Schulsachen, Andenken bis Wolle, Hausrat, Wandernadeln, Rucksäcke Gartenzwerge – und das auf eher kleinem Raum. Ich bin da immer ganz begeistert, wenn ich sowas sehe. Ja – und mein abendliches Stifterl hatten die natürlich auch. Deswegen war ich ja dort.

Im Anschluss hab ich einen prima Schwammerlbraten (natürlich mit gefundenen Pilzen aus der Umgebung) mit Reis und Salat gegessen und hab mich dann von dem recht kommunikativen Wirt für die Nacht zurückgezogen.

Sitze im Bett mit Netbook und Stifterl und bin todmüde. Leider wird die morgige Etappe nicht viel besser. Da geht der Weg zuerst auf 900m runter, dann auf 1.430m rauf (Weintrattl), um dann über 1000hm nach Lavamünd (348m) hinunter zu führen. Da werden die Knie orgeln. Ich wird gleich wieder eine Schnapstherapie anbahnen.

So, jetzt überlass ich euch das Feld und mach mich an die Streckenarbeit für morgen. Bin ja nicht zum Vergnügen da. *ggg* Bis bald und schreibt brav. Heidi – müde

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